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Die 3 wichtigsten Entwicklungsimpulse für dein Kind.

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Wie du deinem Kind hilfst zur Ruhe zu kommen.

Wieder einmal war die Pause nach dem Essen vorbei und die Hausaufgaben sollten erledigt werden. Das folgende Szenario wiederholte sich fast täglich auf die gleiche Weise. Fast hätte ich denken können, dass dieses Wort „Hausaufgaben“ einen unsichtbaren Schalter umlegen würde, der wiederum eine Kettenreaktion auslöst. Allein der Auftrag schien bereits diese unstete, orientierungslose Unruhe auszulösen.

Dieses Verhalten beobachtete ich an einem Jungen den ich in einer sozialen Einrichtung kennen lernte. Andererseits sah ich ihn zu anderen, entspannten Gelegenheiten durchaus konzentriert und in eine Beschäftigung vertieft. Doch die mitgebrachten Aufgaben aus der Schule brachten ihn regelmäßig aus dem Gleichgewicht.

Er setzte sich an den Schreibtisch und stand sicher fünfmal auf, weil er den Radiergummi vergessen hatte – der irgendwo am Boden lag, ein Glas Wasser holen musste, der falsche Polster am Sessel lag, er seine Gummitiere als Unterstützer brauchte – die noch am Fensterbrett standen, das Matheheft vermisste, das noch im Wohnraum lag und so weiter.

Das nächste Problem war, eine Entscheidung zu treffen. Zuerst Englisch, dann Mathe und Geometrie? Oder doch lieber umgekehrt? Oder Mathe, die Zeichenaufgabe, ach nein… da war ja noch die Deutschaufgabe…

Dann war er endlich bereit anzufangen, aber prompt war die Patrone im Füller leer oder er hatte das Dreieck in der Schule vergessen, weshalb er sich das vom Nachbarkind leihen musste, wo er dann hängenblieb, weil er dort ein interessantes Buch entdeckt hatte. Und kaum war er wieder zurück und begann endlich mit seiner Zeichnung, wurde er von Geräuschen aus dem Vorzimmer oder dem Rauschen der Bäume vor dem Fenster abgelenkt.

Mit unserem Sohn war es ähnlich, wenn eine Schreibaufgabe anstand. (Leider sind ja fast alle Hausaufgaben mit Schreiben zu erledigen) Denn Schreiben war für ihn sehr lange eine schier unlösbare Herausforderung. Ein paar Worte hätte er wohl hinbekommen, aber sobald es über das Maß seiner „Belastbarkeit“ hinausging, war dieses Alarmsystem aktiviert, das ihn immer wieder abschweifen ließ.

Nun könnten wir lange diskutieren, wissen oder raten, warum es einem Kind so unglaublich schwer fällt, sich auf eine Aufgabe zu fokussieren, die getan werden soll. Liegt es an einer Fehlfunktion im Gehirn, oder an zu wenig Struktur, zu viel Bildschirmpräsenz oder hat das Kind einfach nicht gelernt sich zu beherrschen? Wenn du dich mit deinem Kind selbst betroffen siehst, kannst du sicher weitere Vermutungen hinzufügen. Und weißt du was, alle Annahmen könnten ja irgendwie richtig sein. Und doch auch wieder nicht, denn oft kommt es auf den Blickwinkel und die Perspektive an. Dann scheint es mal blau zu sein, dann wieder grün oder vielleicht doch türkis?

Ich gestehe, es gab eine Zeit, da hätte ich es auch gerne gewusst – dieses Warum, Weshalb, Wieso es so ist mit unserem Sohn. Heute, ganz ehrlich, ist es mir herzlich egal. Denn heute sehe ich, jedes Kind hat seinen eigenen Entwicklungsplan. Und wenn die Herausforderung in einem bestimmten Bereich zu groß ist, reagieren manche mit Rückzug, andere mit Aggression und wieder andere mit Desorientierung.

In der einen oder anderen Form kennen wir das in Stress-Situationen ja auch als Erwachsene, nicht wahr? Dann verlieren wir den Boden unter den Füßen, hören nur mehr Bruchstücke von dem was gesagt wurde und sind durch Dinge irritiert die uns sonst absolut kalt lassen. Und was hilft uns dann? Ein Partner, eine Freundin oder ein Mensch von dem wir wissen, dass er uns mag oder schätzt. Und allein durch dieses Gefühl des angenommen seins können wir oft wieder in das Hier und Jetzt zurück finden.

Nach meiner Erfahrung ist es mit Kindern, welche so leicht die Orientierung verlieren, nicht anders. Und weil ich glaube, dass dies überhaupt die wichtigste Brücke zur Entwicklung von Konzentration, Fokus und Ausdauer ist, beschränke ich mich heute nur auf diesen einen Hinweis.

Das was solchen Kindern die Sicherheit gibt in eine selbststrukturierte Ordnung zu finden, ist immer und zu aller erst der authentische Kontakt zu uns als Eltern. Egal wie alt, selbstständig oder klug sie sonst sind.

So habe ich sowohl mit unserem Sohn, als auch mit dem Jungen aus dem Praktikum die Erfahrung gemacht, es wird leichter, wenn das Kind spürt, ich kenne seine Herausforderung, sehe seine Anstrengung und sein Bemühen und ich traue ihm mit Geduld für sein eigenes Tempo zu, eines Tages über sich hinauszuwachsen.

Herauszufinden, worin genau die Überforderung besteht, ist dann oft nur mehr ein Klacks. Denn wenn wir Kindern wirklich zuhören, erfahren wir, was wir wissen wollen. Nicht wahr?