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Sonnenaufgang

Wenn ich an die Geschichte mit unserem Sohn denke, fällt mir immer wieder auch die folgende ein:

In einem früheren Leben fand ich meine Berufung in der Welt der Bilder. Als freie Fotografin hatte ich auch Spass an nicht kommerziellen Arbeiten und beschäftigte mich deshalb mit Tonbildschauen. Musik gehörte ebenfalls zu meinen Leidenschaften und so kam ich auf die Idee, mit Haydns Schöpfung und passenden Dias (ja, die Fotowelt war noch nicht digital) eine Geschichte für die grosse Leinwand zu erzählen.

Dazu brauchte ich für eine besonders eindrucksvolle Stelle einen prachtvollen Sonnenaufgang. Am besten natürlich von oben, mit Blick auf ein prächtiges Bergpanorama. Denn es sollte ja mitreissend und monumental sein.

Die Gelegenheit kam an einem Wochenende auf der Wurzeralm. Nun bin ich wirklich kein Frühaufsteher und brauche morgens stets einige Zeit um auf Betriebstemperatur zu kommen. Der Wecker rasselte um 3 Uhr und ich rappelte mich noch halbtot aus dem Bett. Aber, so what, für ein paar gute Bilder hätte ich damals fast alles getan.

Anstrengung und Zweifel

Zu viert machten wir uns auf den Weg, steil bergauf zum Aussichtspunkt. Immer wieder ging mir die Luft aus und mein Kreislauf signalisierte, das ist zu früh, zu schnell, zu steil. Jedoch, ich wollte da hinauf, rechtzeitig da sein, um die Sonne über den Bergen aufgehen zu sehen. Nach ein einhalb Stunden hatten wir es schliesslich geschafft. Ich war erschöpft, fror entsetzlich und war hin- und hergerissen zwischen Ernüchterung und Hoffnung. Denn die Wolkendecke über den Berggipfeln war dicht geschlossen.

Würde sich die Sonne überhaupt zeigen? Wenigstens ein paar Strahlen? Würde sich der mühevolle Aufstieg gelohnt haben? Oder war alles für die Katz?

Nun, es gab für längere Zeit nur diese eine Gelegenheit und so wartete ich und hoffte. Kurz nach Sonnenaufgang passierte es. Die Wolkendecke brach auf und ich fütterte die Kamera und mein Herz mit dieser prachtvollen Szene.

Einen Weg finden

Mit unserem Sohn ging es mir ähnlich, als ich beschloss den Weg allein zu finden. Ich hatte keine Ahnung ob das gelingen kann, es kam auf den Versuch an und das Bild oder das Vertrauen, dass es gelingen wird. Ich ging mit der Hoffnung los, dass am Ende die Sonne aufgehen würde. Wenn es schwierig war, redete ich mir Mut zu (ich wusste bereits, das Gehirn ist entwicklungsfähig – das war mein Mantra).

Du willst wissen was ich zum Gelingen beigetragen habe? Und Du erinnerst dich an die Ausgangssituation: totale Verweigerung, Kontaktabbruch, kein Vertrauen mehr.

Die „Aufgaben“ lauteten, Beziehung stärken, Vertrauen aufbauen, Motivation abwarten.

Kleine Schritte

Hier sind ein paar Beispiele die jetzt vielleicht banal wirken, aber im Rückblick genau richtig waren:

Wenn unser Sohn etwas von mir wollte, habe ich die Gelegenheit genutzt, um wirklich „da“ zu sein. Zugewandt, im Augenkontakt und mit ganzem Herzen. Ich nahm seine Gefühlslage wahr und offenbarte ihm (in kurzen Sätzen – ich wusste er mag keine langen Erklärungen) die meine. Ich überraschte ihn ab und zu mit Gurkenkreationen (Gurken sind eine Art Grundnahrungsmittel für ihn 😉 zum Mittagessen. Das wirkt jetzt sehr einfach, aber solche Kleinigkeiten haben uns zum Lachen gebracht und eine gute Atmosphäre geschaffen.

In Konflikten übte ich uneingeschränkte Ehrlichkeit. Oft gab es Konfrontationen, Diskussionen und Grenzsteine zu versetzen, in welchen ich immer besser lernte bei mir zu bleiben, meine Gefühle, aber auch die meines Sohnes ernst zu nehmen und zu benennen.

Wenn ich merkte, dass ihn etwas in Stress versetzte, gab ich ihm Worte für das was ich wahrnahm. Auf aufregende Situationen habe ich ihn vorbereitet, indem ich ihm mitteilte, was ihn wahrscheinlich erwarten würde, oder dass ich auch keine Ahnung habe und wir darüber reden können, wie er mit möglichen  „Überraschungen“ umgehen könnte.

Langer Mut

Ich übte mich auch in Geduld und Langmut – ja, dieses Wort passt wirklich gut, denn oft brauchte ich langen Mut. Ich habe unseren Sohn herausgefordert, indem ich ihn selbst über eine Aufgabe oder Lösung nachdenken ließ, auch wenn ich genügend Antworten parat hatte. Seine Denkpausen haben meinen langen Mut immer wieder auf eine harte Probe gestellt, das kannst Du mir wirklich glauben. Aber oft hielt ich durch und immer hat es sich gelohnt. Denn dann, waren es seine Entscheidungen, zu welchen er auch stehen konnte.

Und jetzt stehe ich in Gedanken wieder auf dem Berg und sehe, wie hinter den Wolken die strahlende Sonne aufgeht. Es war eine lange, streckenweise anstrengende, aber auch aufschlussreiche Reise, auf welcher sich das Wort Erziehung für mich mit neuer Bedeutung gefüllt hat.

Schreib mir doch! Kannst Du damit etwas anfangen? Welche Bilder helfen Dir, wenn du vor Herausforderungen stehst?