AD(H)S, Asperger & Co.

Die 3 wichtigsten Entwicklungsimpulse für dein Kind.

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Kann ich nicht endlich mal in Ruhe…

Die Pünktchen kannst du beliebig ersetzen mit: aufwischen, arbeiten, nachdenken, einkaufen, schlafen, lernen, kochen, telefonieren, autofahren, lesen, bügeln, ausreden, recherchieren, schreiben, rasenmähen, Ordnung machen, rechnen, ausruhen…

Wir beide könnten jetzt weiter diese ganze Seite mit Dingen füllen, die wir gerne tun wollen, während das Kind versucht unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Richtig?

Mir fällt dazu folgende kleine Geschichte ein:

Nach der Geburt unseres Sohnes und in den ersten Wochen und Monaten hatten wir ein ausgesprochen ruhiges Kind. Ich kannte die Geschichten von durchwachten Nächten, vom Schreien und Weinen, Stillen, Schaukeln, Auf- und Abgehen, bis die Nacht schließlich gute Nacht sagt und dem Morgen Platz macht. Und der mitgelieferten Erschöpfung. Das Kind schläft endlich und Mama startet mit Watte im Kopf und bleischweren Gliedern in den Tag.

Ich war darauf vorbereitet. Wirklich. Denn ich konnte es mir vorstellen, dachte ich. Also richtete ich mich darauf ein, dass das Haus unaufgeräumt wäre, die Wäsche liegenblieb oder ich zum dritten Mal das bekleckerte T-Shirt von vorgestern anziehen würde. Und dass ich neben dem Kind irgendwann nach durchwachten Nächten, den vermissten Schlaf tagsüber finden würde. Bis unser Sohn einen Rhythmus gefunden hätte, der mit der Tageszeit zusammenpasst. Darauf war ich vorbereitet.

Doch fast von Anfang an, schlief er gegen dreiundzwanzig Uhr neben mir ein und schlug morgens um sechs Uhr die Augen auf, um nach kurzem Liebesgeplänkel sein Frühstück einzufordern. Die durchbrochenen Nächte kann ich tatsächlich an einer Hand abzählen. Du glaubst mir nicht? Nein, ehrlich. Ist nicht geschummelt oder beschönigt.

Und in diesen wenigen Nächten gab es nur eine einzige, die mich gelehrt hat, wo meine Vorstellungs-Grenzen sind. Und was sie zutage fördern würden. Ja, ich gestehe es mit Scham, in dieser Nacht war ich nicht in der Lage, die Tränen meines Kindes von meinem verborgenen eigenen Schmerz zu trennen.

Mitten aus dem schönsten Schlaf gerissen, weckte mich Weinen und Strampeln neben mir. Ich versuchte zu stillen, trösten, wiegen, prüfte die Windeln, machte leise „schschsch…“, aber es half alles nichts. Also stand ich auf, ging auf und ab, schaukelte, summte, fragte und redete, doch das Weinen wurde immer lauter, heftiger. Unerbittlich und drängend, erreichte es mein Ohr, verirrte sich in meinem Kopf, vibrierte in meinen Schädelknochen, vernebelte mein Gehirn und setzte mein Zentrum der Ruhe und Ausgeglichenheit in Brand.

Ich fühlte mich bald so sehr hilf- und machtlos, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich spürte Wut und Aggression in mir hochsteigen, doch mit einem letzten Rest von Verstand, legte ich meinen verzweifelten kleinen Sohn zwischen die Polster auf die Bank. Als ich mit den Fingern in den Ohren, meinem Bewegungsdrang nachgab, erschien in dieser dunklen Nacht unsere Rettung im Türrahmen. Mein Mann nahm unser Kind, das sich bald beruhigte und so von der Qual des Weinens erlöst, sank auch mein Adrenalinspiegel. Die Nacht gehörte wieder dem Schlaf.

Erst später erkannte ich, was in dieser Nacht passiert war. Ich konnte diesem hoffnungslosen Schreien und Weinen nicht zuhören. Denn zu laut berührte es eine alte Erinnerung in mir. Unbemerkt und unerbittlich hatte sich eine frühe Erfahrung ihren Raum genommen. Wie oft hatte ich mich wohl im ersten vertraut werden mit dieser Welt selbst verzweifelt in den Schlaf geweint, bis ich ahnte, dass alles Weinen keinen Sinn hat und ich verstummte. Ich begriff, dass die Reaktion meines Kindes, in mir lange vergessene Emotionen auslösen kann. Dass ich ausserstande bin meinem Kind zu helfen, so lange ich mit mir selbst nicht in Kontakt bin.

Deshalb glaube ich, wenn ein Kind „lästig“ wird, versucht es lediglich die Bindung zu erneuern, weil es spürt, dass ich als Mama gerade „nicht anwesend“ bin. Heute bin ich unserem Sohn für diese Nacht dankbar. Denn sie hat mich oft daran erinnert, meine inneren Geschichten und Gefühle zu überprüfen und gegebenenfalls von der Konfliktsituation mit meinem Kind zu trennen.

Heute würde ich:

  • Auf jeden Fall meinen Mann wecken und um Hilfe bitten.

Und mich dann also fragen:

  • Welche Gefühle, Haltungen oder Glaubenssätze dem Kontakt zu mir selbst und zu meinem Kind gerade im Weg stehen.

Und mich in all diesen Gefühlen und Emotionen ernst nehmen, denn sie sind meine Wahrheit. Und mir schließlich Absolution erteilen, denn entschlüsselte Fehler erweitern den Reichtum der Erkenntnis.

Kennst du ähnliche Situationen? Wie hast du sie gelöst? Was hast du dadurch erfahren? Welche Fragen sind offen geblieben? Dann schreib mir bitte. Ich greife dein Thema gerne im nächsten Artikel auf.