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Die 3 wichtigsten Entwicklungsimpulse für dein Kind.

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Und 5 Ideen wie du deinem Kind hilfst.

Es regnete in Strömen. Kleine Rinnsale bildeten sich auf meinem Regenumhang. Rasch abwärtsfließend, tropften sie im Vorwärtsgehen auf meine Knie und die Schuhe.

Das Wetter schien wirklich zu diesem letzten Schultag zu passen. In meiner Schultasche brannte das Jahreszeugnis. Und obwohl meine Tasche weniger als sonst gefüllt war, wog sie weit schwerer auf meinen Schultern als je zuvor. Denn das Blatt Papier, bezeugte in Schönschrift mein Versagen in fünffacher Kopie. Kaum hatte ich es erhalten, wagte ich nur einen flüchtigen Blick auf die Bewertung und versenkte es rasch zwischen Stifte-Etui und Zeichenmappe.

Was sollte ich nun tun? Wie konnte ich damit nach Hause gehen? Was würde meine Mutter sagen? Was würde mich dann erwarten? Mein Kopf drohte zu zerspringen, von all den Fragen, für welche ich mit größter Anstrengung eine Antwort suchte und keine Erlösung finden konnte. Dazwischen mischten sich andere Gedanken wie: ich war zu faul, zu nachlässig, hätte mich mehr anstrengen und fleißiger sein müssen.

Keinen einzigen Moment lang, zog ich mit meinen elf Jahren auch nur in Erwägung, dass es auch andere Gründe für die Fünfen im Zeugnis geben könnte. Nur und ausschließlich: ich habe mich nicht ausreichend bemüht. Wie im dunklen Braun eines Marmorkuchens vermengten sich diese Gedanken mit dem lähmenden Gefühl, ich würde mit diesem Blatt das sich Zeugnis nennt, auch den letzten Rest an Liebe, Zuneigung und Sicherheit verlieren.

Mein geringes Körpergewicht schien sich zu verdoppeln und der Weg zur Straßenbahn um ein Vielfaches zu verlängern. Längst hatten mich alle anderen Kinder eingeholt und waren von der fahrplanmäßigen Straßenbahn mitgenommen worden. Die Haltestelle in der Entfernung wirkte vereinsamt. So trottete ich im Schneckentempo weiter. Wenn die nächste Bahn käme, dann wäre ich in fünfzehn Minuten zuhause, dachte ich. Aber noch immer hatte ich keine Antworten auf das Fragen-Karussell in meinem Kopf. Ich blieb stehen und ging ein paar Schritte zurück. Ich kann nicht nach Hause, dachte ich. Nicht mit diesem niederschmetternden Ergebnis. Aber wohin sonst?

Vielleicht konnte ich mich hier und jetzt in diesem stetig fallenden Regen, wie die Erde unter meinen Füßen, einfach in der Pfütze auflösen? Ich wartete. Aber auch nach einer gefühlten Ewigkeit stand ich immer noch an der gleichen Stelle und spürte meine bleischweren Beine. Die Straße war menschenleer und niemand war da, der mir mit ein paar freundlichen Worten Mut gemacht hätte. Schließlich traf mehr mein Körper als mein Ich, die Entscheidung weiter zu gehen. Aber nicht zur Straßenbahn, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Denn ich wusste, dass mir dieses Zeugnis Ärger einbringen würde.

An diese Geschichte muss ich immer wieder mal denken, wenn ich am Ende der Schulsaison die jährlichen Aufrufe zu Verständnis und Gelassenheit im Umgang mit Zeugnissen und schlechten Noten höre. Auch wenn ich das Wort „Zeugnisangst“ als Suchbegriff im world wide web eingebe und die Suchmaschine 2190 Ergebnisse liefert. Und wenn ich an jene Kinder denke, die sich so wie unser Sohn, in manchen geforderten Fähigkeiten um so vieles schwerer tun, als der größere Rest von Mitschülern.

Ich wollte deshalb niemals, dass unser Sohn sich wegen ein paar verpatzter Noten so verloren und hilflos fühlen sollte. Und obwohl wir zum größeren Teil eine ziemlich unerfreuliche Schulzeit mit ihm hatten, ist mir zumindest das gelungen. Ihm die Sicherheit zu vermitteln, dass in unserer Familie jedes Problem Platz hat. Und wenn es auch noch so groß für ihn scheint.

Abgesehen davon, dass sich dein Kind unabhängig von Leistung oder Noten angenommen fühlen kann,  würde ich jetzt also noch folgendes tun:

  • Benenne, wofür dein Kind im ersten Schreck wahrscheinlich keine Worte findet. Zum Beispiel: „Wenn ich dich ansehe, dann denke ich, dass dich das ein bisschen beschäftigt. Kann das sein?“ Damit kannst du deinem Kind helfen, das wildeste Kopfkino in seiner Heftigkeit schon etwas zu reduzieren. Mach dabei das was du siehst, ruhig ein wenig kleiner. Denn für dein Kind ist der Aufruhr in seinem Inneren, wahrscheinlich schon groß genug.
  • Wenn dein Kind sein Paket an Frustration, Angst, Wut usw. auspackt, dann hör ihm zu und gib zurück, was du gehört hast. Zum Beispiel „Ja, das kann ich verstehen, dass du traurig, enttäuscht, entmutigt usw. bist.“
  • Gib diesen Gefühlen und Emotionen deines Kindes Raum, bis sie sich aus dem Staub machen.
  • Spiele mit deinem Kind gedanklich die eventuellen Konsequenzen durch und lass es soweit als möglich auch selbst Lösungen finden. Hilf ihm (vielleicht mit einer Mutzeichnung oder einem Gegenstand, einem Symbol) die Ergebnisse in Erinnerung zu behalten.
  • Denk daran, dass du mit diesen Schritten dem Tempo deines Kindes folgst. Das eine Kind wird mit negativen Erlebnissen schneller (sozusagen in einem Aufwischen) fertig, ein anderes braucht viele kleine Schritte und viele kleine, kurze Gespräche mit dir. Du kennst dein Kind am besten.
  • Und wenn du den Dingen gerne auf den Grund gehen willst, dann überprüfe deine inneren Stimmen, bezüglich Noten, Zeugnis, Erwartungen usw. Denn dein Kind spürt auch ohne Worte, welche Hoffnungen du hinsichtlich der Noten hast 😉                    Erzähle ihm gern darüber und sag, dass du an der Abstimmung deiner Erwartungen mit den Möglichkeiten deines Kindes arbeitest. Dass das aber allein deine Aufgabe ist und dein Kind nichts dazu beitragen kann.

Alles das hilft deinem Kind mit seinem Gefühlscocktail klar zu kommen. Seine Gedanken zu ordnen und schließlich, im Finden eigener Lösungsmöglichkeiten, sich selbst zu vertrauen. Zusätzlich stärkst du so die Beziehung zu deinem Kind, wodurch es letztlich für weitere Herausforderungen gut gewappnet ist. Denn du kannst dein Kind nicht vor Misserfolgen schützen. Aber du kannst ihm helfen damit fertig zu werden, wieder Mut zu fassen und der nächsten Herausforderung ins Auge zu sehen.

Schreib mir gern deine Erfahrungen dazu. Bleibst du in Balance, wenn das Zeugnis Katastrophenalarm bringt?